Interview mit Julia Berg, Filmemacherin und Ethnologin

Gespräch mit Juia Berg zur Installation "Die Erste Familie unter dem Himmel - Konfuzius’ Nachfahren" im Museum für Völkerkunde.

Interview mit Julia Berg, Filmemacherin und Ethnologin

Frage: Ihre Video-Installation gibt Einblicke in das Leben der Familie der Ur-Ur-Ur-Enkel des Philosophen Konfuzius. Wie sind Sie auf dieses ungewöhnliche Thema gestoßen?

Julia Berg: Es begann mit einem Reiseführer, den ich über China schrieb. Der Heimatort von Konfuzius, Qufu, zieht viele chinesische Reisende an – schon die Kaiser pilgerten hierher – für deutsche Reisende ist er dagegen noch fast ein Geheimtipp. Ich fuhr hin und war beeindruckt von der Atmosphäre des Ortes; den alten Tempelanlagen, dem stillen Grabhain und dem lärmigen Rummel, der um Konfuzius gemacht wird.

Kurioserweise hatte der Ort trotz seiner touristischen Bedeutung keinen Bahnhof. Ich erfuhr, die Familie der Nachfahren habe den Bau der Bahnstrecke verhindert - um die Ruhe des Ur-Ahnen nicht zu stören. Das faszinierte mich: Dass eine Familie bedeutend genug war, das chinesische Bahnnetz zu beeinflussen. Da begann ich, zu recherchieren.

Frage: Und fanden einen britischen Nachfahren.

Julia Berg: Genau. Das machte es umso spannender: Zum einen, weil es mir die Geschichte, die Rolle der Familie, etwas näher brachte: Wie fühlt es sich an, als junger Europäer eine solche Tradition zu beerben? Zum anderen, weil es die Frage der kulturellen Identität in den Mittelpunkt rückt: In China stößt James immer wieder auf Widerstände, als Nachfahr akzeptiert zu werden; die Vorstellung, dass ein ‚Ausländer’ direkter Nachfahr des Konfuzius sein soll scheint schwer zu tolerieren; Konfuzius ist die Identität stiftende Figur Chinas.

In den letzten Jahren gab es in China ja ein regelrechtes Konfuzius-Revival, Auch auf politischer Ebene ist das Thema hoch aktuell - und damit auch für uns Europäer relevant; hat China doch nicht nur wirtschaftlich Relevanz, sondern wird auch kulturell und politisch weiter Einfluss nehmen.

Frage: Inwiefern ist das Konfuzianismus-Revival ein politisches Thema?

Julia Berg: Die Kommunistische Partei nutzt etwa die Ideen von Hierarchie und Harmonie; sie setzt konfuzianisches Vokabular ein, um für eine 'harmonische Gesellschaft' zu werben. Es geht da natürlich auch um Unruhen und Ungleichheit im Lande. Ein anderes wichtiges Thema ist die 'Harmonisierung des Internets', oder auch Zensur...

Bei offiziellen Anlässen sind immer auch Politiker zugegen. Aber das Thema zieht sich durch viele Bereiche: Auf den Spuren des Konfuzius traf ich Politiker, Manager, Köche und Kindergärtner.

Frage: Wie lange haben Sie an dem Projekt gearbeitet?

Julia Berg: Als filmende Ethnologin ist man natürlich dafür prädestiniert, lange Feldforschungen zu machen...

Ich begleitete James über mehrere Jahre. Als ich ihn kennenlernte war er ein Teenager; ich fand es spannend zu sehen, wie er in seine Rolle hineinwachsen würde. Ich filmte den Alltag der Familie, aber auch bei offiziellen Anlässen und großen Festen.

Frage: Wie zeigt sich das Thema zur CHINA TIME?

Julia Berg: Ich freue mich sehr, Ausschnitte des gesammelten Materials nun im Museum für Völkerkunde zeigen zu können. Der Kleine Hörsaal mit seiner alt-ehrwürdigen Atmosphäre und den historischen Bücherschränken scheint mir ein idealer Ort für die Video-Installation: Schriften und Gelehrsamkeit spielen ja von jeher eine bedeutende Rolle im Konfuzianismus. Und der Familienstammbaum der Kongs, den James’ Großvater kürzlich aktualisieren ließ, füllt ganze Bücherschränke – da passt es gut, wenn sich die Video-Potraits nun zwischen Büchern einreihen.

Frage: Wird denn ein Nachfahre der Kongs zugegen sein?

Julia Berg: Ich hoffe ja! Mit ein wenig Glück schaffen wir es, James zur CHINA TIME nach Hamburg zu holen. Das wäre eine große Ehre und würde auch zum diesjährigen Schwerpunkt ‚secret sounds’ passen – James ist nämlich Singer-Songwriter. (Mit noch ein wenig mehr Glück wird er auch auftreten können.)

Passend zum Motto der CHINA TIME 2016 sollen die Geräusche in der Installation eine besondere Rolle spielen: Rituelle Musik, Rezitationen, Touristik-Slogans, aber auch Grillen-Zirpen und Straßenlärm fügen sich zu einer Klang-Landschaft, die die unterschiedlichen Facetten auch akustisch erleben lässt.

Ausstellung

Zu sehen und zu hören wird die Ausstellung sein vom 22.- 27. November 2016 im Museum für Völkerkunde.