Töne der Urkaiser, Klänge der Ahnen

Töne der Urkaiser, Klänge der Ahnen

vergrößern Dr. Wu Zihui, Universität Hamburg Dr. Wu Zihui, Universität Hamburg (Bild: Universität Hamburg) Im chinesischen Altertum bildeten Musik, Tanz und Poesie eine organische Einheit. Das Zeichen 樂(乐)„yue“, das im modernen Chinesisch gewöhnlich als Musik zu verstehen ist, stand im klassischen Chinesisch für diese Einheit. Das klassische Werk Liji《禮記》(Aufzeichnungen der Riten) sagt: „Wenn man Lieder singt und dabei noch mit dem Schild, der Axt, den Vogelfedern und dem Ochsenschwanz tanzt, dann heißt das yue.“ Das ist ein wichtiger Hinweis dafür, dass Musik schon seit der archaischen Zeit mit dem Tanz und Liedertexten einen Formkomplex (Triade) bildet. Im Shangshu《尚書》(Buch der Urkunden) wird das Verhältnis zwischen Musik, Tanz und Poesie verdeutlicht: „Die Poesie ist das Aussprechen edler Gedanken. Singen verlängert die Sprachtöne der Poesie. Die Töne aller Instrumente sollen gut zu den Singstimmen passen. Beide stimmen in gegenseitiger Harmonie nach dem Maßstab des Tonsystems zueinander. Damit können alle unterschiedlichen Klänge und Töne in einem harmonischen Verhältnis richtig zusammenklingen, so dass sie nicht miteinander dissonieren und sich nicht stören. So wird die Harmonie zwischen den Gottern und den Menschen erreicht.“

Der mingzeitliche Musiktheoretiker Zhu Zaiyu 朱載堉 (1536-1611) schrieb in seinem Lülü jingyi waipian 《律呂精義》(Die essentielle Bedeutung des 12-stufigen Tonsystems): „ […] Warum ist das kanonische Buch über die Musik gleich dem kanonischen Buch über die Poesie? [...] Denn bis zum Untergang der Zhou-Zeit (11. Jh. - 256 v. Chr.) war der Begriff Musik mit dem der Poesie austauschbar, Musik und Poesie wurden nicht getrennt bezeichnet.“ Nach der konfuzianischen Auffassung gilt die Poesie als Grundlage für die Musik. Aus der Poesie entsteht die Musik 無詩則無樂, so formulierte der Musiktheoretiker Ye Shi 葉時 (Song-Zeit) in seinem Lijing huiyuan《禮經會元》über Poesie und Musik. Deshalb hat Konfuzius gesagt, wie man im Lunyu《論語》(Gespräche des Konfuzius) auch liest: „Nachdem ich vom Staat Wei in den Staat Lu zurückgekehrt war, habe ich gleich die Fehler in den beiden Teilen Ya雅 (Lieder des orthodoxen Stils) und Song 頌 (Opferlieder) des Shijing (Buch der Lieder) korrigiert, damit jedem der beiden Teile die ihm gebührende musikalische Bedeutung im Shijing zukommt.“ Im Weiteren heißt es: „Die Würdenträger des Staates Lu ließen zum Beginn die Musik des Liedes Guanju 關鴡, - das erste Lied des Teils Guofeng und zugleich das erste Lied aus dem Shijing – spielen, am Ende der letzten Strophe waren meine beiden Ohren von schöner Musik erfüllt.“ Hier bezeichnet Konfuzius „Gedicht“ als Musik. Nach konfuzianischer Lehre steht das Triade yue in Einklang mit moralischer Integrität und ethischen Prinzipien. Nur die edlen Menschen mit hoher moralischer Integrität (junzi 君子) sind in der Lage, den Sinn von yue zu verstehen. Wenn man yue versteht, versteht man auch die Politik und wird auch eine vollkommene Staatspolitik treiben können. 

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