Sonderausstellung SECRET SOUNDS

Sonderausstellung SECRET SOUNDS

Wenn ganz Hamburg sich zur CHINA TIME 2016 im Zeichen des diesjährigen Mottos SECRET SOUNDS zu einer Klangkulisse unterschiedlichster Performances verwandelt, verdichtet sich im Herzen der Stadt das musikalische Erlebnis in Gestalt der gleichnamigen Ausstellung: Vom chinesischen Altertum bis in die Gegenwart führt die Reise auf den Spuren von SECRET SOUNDS in China beim Hamburger Konfuzius-Institut im Chinesischen Teehaus „Hamburg Yu Garden“ … Eine Reise …? Ein Labyrinth …!

Unzählige Legenden und so manche philologischen oder archäologischen Belege zu Chinas Musikkultur mögen vielen Chinesen vertraut sein, aber längst nicht allen – um wie viel weniger sind sie in Europa bekannt? Und was bleibt uns Allen für immer klanglich verborgen, wenn Texte aus dem „Buch der Lieder“ aus dem ersten vorchristlichen Jahrtausend lediglich erahnen lassen, welche bedeutende Rolle Musik in allen Lebensbereichen des alten China spielte?

Du hast des Weins und der Speisen genug;
Was schlägst du nicht täglich der Laute Saiten,
Um dabei heiter und fröhlich zu sein
Und längere Tage dir zu bereiten?

(Buch der Lieder [Shijing], aus „Aufforderung zu heiterem Genuß der Lebensgüter“, Übers. v. Strauß)*

Ein schon frühzeitlich geordneter Kosmos von „Acht Klanggruppen“ (bayin) dient bei der multimedialen Erkundung als Einstieg in die chinesische Welt der Musik. Ordnungsprinzipien stehen jedoch einer (Ästh)Et(h)ik nicht im Wege, wie sie schon Konfuzius (551-479 v. Chr.) manifestierte, und wie sie bei dem – im Jahre 2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärten – Spiel auf der Wölbbrettzither Guqin mit ihrer mehrtausendjährigen Geschichte bis heute von Vorbild ist.

Die Töne entstehen im Herzen des Menschen.
Die Musik bringt Zusammenhang in die gesellschaftlichen Beziehungen.
Darum kennen die Tiere zwar den Laut, aber nicht den Ton,
und die Menschenmassen kennen zwar den Ton, aber nicht die Musik.
Nur der Edle vermag es, den Sinn der Musik zu verstehen.

(Buch der Musik [Yueji], Übers. R. Wilhelm)

Wenn gewalttätige Menschen sich nicht erheben, […]
wenn die Untertanen nicht leiden und der Sohn des Himmels nicht zürnt,
dann hat die Musik ihren Zweck erfüllt.

(Buch der Musik [Yueji], Übers. R. Wilhelm)

Das [Buch der] Lieder erhebet den Menschen, 
die Sitten geben ihm Halt,
Musik macht ihn vollkommen. 

(Gespräche [Lunyu), Übers. frei nach R. Moritz)

Was jedoch entstammt in der vielschichtigen Geschichte Chinas den autochthonen Entwicklungen? Wie viel Einfluss hatte wiederum der wechselseitige kulturelle Austausch über die Seidenstraße und andere Handelswege im ersten nachchristlichen Jahrtausend? Da ist schon fast vergessen, dass die Kniegeige Erhu als beliebtestes nationales Volksinstrument in ihrer wörtlichen Übersetzung als „zwei[-saitiges] Barbaren[-Instrument]“ einen zentralasiatischen Ursprung verrät.

Wenn heute im Westen die Peking-Oper das faszinierendste – und für manche zugleich fremdartigste  – Aushängeschild chinesischer Musikkultur ist, so übersieht man leicht, dass sie mit rund 200 Jahren eine vergleichsweise junge Geschichte aufweist, und dass China mit etwa 100 verschiedenen Stilen eine wesentlich reichhaltigere Opernvielfalt hervorgebracht hat als Europa. Während europäisches Publikum im Anschluss ein begeistertes „bravo!“ schreit, wird bei den chinesischen Arien ein kräftiges „hao!“ („Gut!“) mittenhineingerufen, aber wann … und was zeichnet die Kunst des Gesanges aus …?

Wie haben sich im Wandel der Zeiten die Hörgewohnheiten in China verändert? Nicht, dass nur die Oper durch Propagandamusik, vor allem in der Kulturrevolution (1966-1976), massive Veränderungen erfuhr. Traditionelle chinesische Musik hat in China vor allem beim jungen Publikum einen ähnlich schwierigen Stand wie klassische (europäische) Musik hierzulande. Sie ist für viele Chinesen selbst zu einem Buch mit sieben Siegeln geworden.

Wie erklären sich die Popularität europäischer klassischer Musik und der Bildungsanspruch, dass (nahezu) jedes Kind in China Unterricht auf dem Klavier oder anderen europäischen Instrumenten erhält? Und ist darüber hinaus bei aller Liebe zu Pop aus Hongkong, Taiwan, Japan, Korea und der westlichen Welt nicht seit langem eine völlig eigene Identitätssuche mit hybriden und zunehmend kreativen Nuancen im Gange? Sprachlich erkennbar, wie auch musikalisch?

Ein neues „Buch der Lieder“ ist auf dem Weg, Digitalisierung und Internetverbreitung verhelfen zu einer nie dagewesenen Vielfalt. Wie im Sinne der Ausstellung SECRET SIGNS zur CHINA TIME 2014, die dem vielseitigen Umgang chinesischer Gegenwartskünstler mit ihrer eigenen Schrifttradition nachspürte, ist hier eine „soundscape“ entstanden, die gleichermaßen in die Vergangenheit führt und in die Zukunft verweist. Denn die Ausstellung ist mehr als nur Text und Bild: In Anspielung auf die altertümliche Klassifizierung der „Acht Klanggruppen“ und die moderne Visualisierung von Schallwellen ergibt sich auf künstlerischer Metaebene ein geheimnisvolles Gesamtbild – ähnlich den acht Trigrammen des „Buches der Wandlungen“ – und es entsteht ein Labyrinth von Informations- und Soundboxen, bei deren Gesamtklang nur zu wünschen bleibt: Man höre und staune...!