China - ein Land im Aufholmodus

Gerade einmal 40 Jahre ist es her, als China seine Reform- und Öffnungspolitik auf den Weg brachte. Seitdem sind aus Dörfern Giganten-Städte geworden und zig Millionen Landarbeiter bitterster Armut entkommen. Heute verbinden Highspeed-Züge Menschen und Metropolen auf ihrem Weg in eine digitale Zukunft, in der künstliche Intelligenz und Big Data weltweit künftig führend sein sollen. Auch viele der Ausstellungen, Vorträge und Lesungen der CHINA TIME 2018 geben einen Einblick in diese neue Welt und zeigen eindrücklich, was sich China vorgenommen hat. Aber was steckt hinter diesem Hype um Mega-Städte, Daten, Digitales – und können wir Deutschen davon lernen? Zwei, die China sehr gut kennen, sind der Städtebauexperte Prof. Dr. Dieter Hassenpflug, zur Zeit Gastprofessor an der Universität Duisburg-Essen, und Prof. Dr. Kai Vogelsang, Professor für Sinologie an der Universität Hamburg. Ihre Einschätzungen lesen Sie hier.

China - ein Land im Aufholmodus


In China gibt es derzeit zehn Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, weitere sind geplant. Wie ist diese Entwicklung zu bewerten?

vergrößern China Time 2018: Prof. Dr. Dieter Hassenpflug Prof. Dr. Dieter Hassenpflug (Bild: Archiv) Prof. Hassenpflug: Mit der Umschichtung der Bevölkerung vom Land in die Stadt, also der Urbanisierung, wird deutlich, dass sich die Gesellschaft von einer agrarisch-ländlichen in eine moderne, arbeitsteilig-industrielle entwickelt. Beeindruckend ist dabei die Geschwindigkeit, in der sich die Verstädterung Chinas vollzieht: der Urbanisierungsgrad ist in den vergangenen 40 Jahren von unter 20 Prozent auf ca. 60 Prozent gestiegen und wird in kurzer Zeit die Sättigungsgrenze von 80 Prozent erreichen. Diese Größenordnung kennt kein Vorbild. Allein in den ersten 30 Jahren nach der Öffnung sind täglich rund 35 Dörfer im Tsunami des Städtewachstums verschwunden oder wie in Shenzhen „urbanisiert“ worden. Inzwischen gibt es mehr als 100 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern. Besonders dynamische Städte wie Hamburgs Partnerstadt Shanghai aber auch andere wie Beijing oder Chongqing sind phasenweise mit mehr als 250.000 Einwohnern im Jahr gewachsen. Man kann sich kaum vorstellen, welche Herausforderungen für Stadtplanung und Städtebau das sind.

Auch auf dem Gebiet der Digitalisierung prescht China voran, will 2025 Weltmarktführer in Künstlicher Intelligenz-Technologie sein. An Imbissen kann bereits bargeldlos gezahlt werden und künftig sollen Drohnen die Tasse Kaffee liefern. Woher kommt der Hype um die Vormachtstellung?

Prof. Vogelsang: Es handelt sich um eine Art nachholende Modernisierung, an der sich China seit einem Jahrhundert abarbeitet. Die westliche Moderne ist ja im 19. Jahrhundert brutal mit Imperialismus und Krieg nach China eingedrungen. Das Land hat auf sehr schmerzhafte Weise erfahren, dass es zivilisatorisch, technisch und wissenschaftlich hoffnungslos rückständig gegenüber dem Westen war. 

Und das ist noch heute zu spüren?

vergrößern China Time 2018: Kai Vogelsang Prof. Dr. Kai Vogelsang (Bild: Archiv) Prof. Vogelsang: Ja, die Chinesen sind weiterhin damit beschäftigt, diesen Rückstand wett zu machen. Gleichzeitig beschäftigen sie sich mit der Frage, was ihre Identität eigentlich ausmacht. Nicht von Stolz oder Arroganz geprägt, durchaus mit Kritik und Selbstzweifeln. Wir sehen China als Weltmacht, dabei ist in China selbst eher das Streben nach „bescheidenem Wohlstand“ zu spüren. Auch das trägt zur Ambivalenz Chinas bei. Einerseits ist China in vielen Bereichen Weltspitze, andererseits in vielen Regionen noch Entwicklungsland. China ist extrem ungleich.

Hat mit Einzug der Moderne auch die Tradition noch ihren Platz?

Prof. Vogelsang: Es funktioniert nirgendwo so, dass die Moderne in ihrer eiskalten Reinform Einzug hält. Wir haben nur den Eindruck, dass es in China oder auch Japan ein besonderes Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne gibt, weil uns die Tradition mit ihren Pagoden, Bräuchen und Festen so exotisch vorkommt.

Wie sieht es im Städtebau aus?

Prof. Hassenpflug: Die Stadtbaukultur demonstriert, dass China seine Tradition mit in die Moderne nimmt. So kommen seit einiger Zeit verstärkt die Regeln des Feng Shui im Städtebau zur Anwendung. Und auch der Siedlungsbau weist auf eine Gesellschaft hin, in der Familie und Verwandtschaft Vorrang haben. Das riesige Land ist auf jeden Fall auf eine Balance von Geschichte und Gegenwart orientiert, wie dies im westlich-europäischen Städtebau kaum noch vorkommt  bzw. mühsam neu erlernt werden muss.

Was bedeutet die Urbanisierung für die Ökologie des Landes?

Prof. Hassenpflug: Viele wichtige Ökosysteme Chinas, wie Flüsse, Seen, Meeresküsten, sind stark bedroht und teils schon kollabiert. Das Artensterben von Fauna und Flora ist hoch. Hinzu kommt die hohe Versiegelung von Böden in Städten. Doch die Gleichzeitigkeit der Verstädterungs- und Industrialisierungsregimes bedeutet eben auch, dass die materiellen, technischen und wissenschaftlichen Mittel bereits vorhanden sind, um die Probleme des industriellen „take-offs“ zu lösen. 

Müssen wir Europäer uns eigentlich Sorgen machen, mit welcher Wucht China voranschreitet?

Prof. Vogelsang: Nein, sicher nicht. Es ist vielmehr eine Herausforderung, die Anlass zur Selbstreflektion sein sollte und zur Bestimmung der eigenen Position. Wir sollten uns auf unsere eigenen Werte besinnen und klar machen, wo unsere Interessen liegen.  Wo kooperieren wir zum Beispiel mit China und wo ist unsere rote Linie. 

In China wird derzeit das „Sozialkredit-System“ eingeführt, das bis 2020 im ganzen Land wirken soll. Es vergibt Punkte für soziales Verhalten, wer zum Beispiel seine Schwiegermutter besucht bekommt Bonuspunkte, wer Pornos guckt rutscht ins Minus. So wird zwischen „guten“ und „schlechten“ Bürger entschieden – und ein Riesen-Datenpool entsteht.

Prof. Vogelsang: Ja, das ist unheimlich. Das wäre zum Beispiel eine rote Linie, die in meinen Augen überschritten wird, da das System konträr zu den liberalen Werten und persönlichen Freiheitsrechten steht. Wenn man das mit den neuen Europäischen Datenschutzrichtlinien vergleicht, wird der Unterschied sehr deutlich. Allerdings findet das System in China zur Zeit bei vielen Menschen tatsächlich Anklang, da das Verhalten zivilisierter wurde. Es gehen nicht mehr so viele Fußgänger bei Rot über die Ampel, oder spucken auf die Straße. Ist ja auch nicht verkehrt. Was dahinter steckt, die Überwachung von politischem Verhalten zum Beispiel, ist noch gar nicht in den Fokus geraten.

Was kann Hamburg von seiner Partnerstadt Shanghai lernen?

Prof. Hassenpflug: Shanghai ist eine Stadt, die nach den Sternen greift. Sie misst sich unmittelbar mit Städten wie New York, London, Singapur und natürlich auch Beijing. Diesen Willen, in der Topliga der Weltstädte mitzuspielen, manifestiert und symbolisiert die Wirtschaftsmetropole durch die Wolkenkratzer von Lujiazui. Die Universitäten blicken selbst dort, wo sie deutsche Ursprünge haben (Tongji-University), zu den  Eliteuniversitäten des angelsächsischen Sprachraums in England und den USA, zu Cambridge, Oxford, Harvard und Yale. Von Shanghai kann und sollte Hamburg lernen, schneller zu sein, besser, konkurrenzfähiger, neugieriger, ungeduldiger und ungenügsamer in der Verfolgung hochgesteckter Ziele. Ich sage dies, obwohl ich der Meinung bin, dass die Stadt Hamburg mit der Hafencity das mit Abstand beste Städtebauprojekt Deutschlands auf den Weg gebracht hat und immer noch bringt.

Es gibt viele Ausstellungen im Rahmen der CHINA TIME. Welche Rolle spielt Kunst in China?

Prof. Vogelsang: Ich schätze die Bedeutung von Kunst in China extrem hoch ein. Das Wesen der Kunst liegt ja darin, die Welt anders darzustellen, als wir sie gewohnt sind. Und das ist enorm wichtig in einem System, dessen Staatsideologie genau eine orthodoxe Perspektive vorgibt. Je einseitiger die Weltsicht, die vorgegeben wird, um so wichtiger ist die Vielfältigkeit künstlerischer Darstellungen. Und umso wichtiger ist dann natürlich, dass chinesische Kunst in Europa und auch in Hamburg ein Forum findet. Bilder zur Kulturrevolution von Ni Shaofeng zum Beispiel, der heute in Hamburg lebt und unterrichtet, werden Sie in China nicht zu sehen bekommen.

Wie wird China uns und die Welt verändern?

Prof. Hassenpflug: China ist heute wieder eine Weltmacht und beeinflusst uns auf vielfältige Weise: politisch, wirtschaftlich, kulturell. Handel und industrielle Kooperationen dehnen sich aus und greifen immer tiefer in die bilateralen und globalen Wirtschaftsbeziehungen, die chinesische Sprache wird immer wichtiger und dürfte in absehbarer Zeit zu den bedeutsamsten Fremdsprachen an deutschen Schulen gehören, die chinesische Medizin wird immer häufiger konsultiert, die Kontakte auf den Gebieten des Sports, der Musik, des Designs und der Medien wachsen usw. So ist China schon längst eine Quelle der Inspiration, ein Partner auf vielen Gebieten, eine Bereicherung unseres Lebens.

Und was können wir von China lernen?

Prof. Vogelsang: Das Lernen an sich. Vor allen Dingen das Interesse an Kultur und Geschichte, das in China weitaus höher ist als in Deutschland. Es ist frappierend, wie gut sich chinesische Studenten, die zu uns nach Hamburg kommen, auskennen. Die meisten Chinesen kennen Dutzende Gedichte, die Jahrtausende alt sind, auswendig. Chinesische Geschichte hingegen kommt in den Deutschen Lehrplänen  kaum vor, da hinken wir wirklich hinterher und haben nicht verstanden, was die Rolle Chinas in der Welt bereits ist.

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